drugi-nastup-u-zivotu-mala.jpgEs begann wegen eines Mädchens. Mario Batkovic war vier Jahre alt, und wollte Akkordeon spielen, um sie zu beeindrucken. So wünschte er sich zu seinem vierten Geburtstag ein Akkordeon. Das er auch bekam, von seinem Onkel. Und so begann er zu spielen, ohne Lehrer, sondern als Autodidakt. Seine Schwester sang ihm Lieder vor, er spielte sie nach.
Schliesslich verliebte sich Batkovic nicht in das Mädchen, sondern in sein rotes Akkordeon. Mit acht Jahren musste er in der Schule sein Hobby vorstellen. Als sein Lehrer erfuhr, dass er keinen Unterricht nahm, schickte er ihn auf der Stelle in die Staatliche Musikschule Novi Sad. Er sei ein Talent, er müsse in den Unterricht, befahl der gestrenge Lehrer.

tata-i-ja-mala.jpgDurch seine Eltern kam Batkovic in die Schweiz. Seine Mutter suchte nach einer Musikschule, und wandte sich ans Konservatorium Bern. Doch dort hieß es, dass es keinen Platz mehr gebe. Seine Mutter insistierte: Ob er nicht wenigstens aus dem Klavier etwas vorspielen könnte, da er sein rotes Akkoredeon in Novi Sad zurückließ. Batkovic, inzwischen Elf, spielte ein Stück vor. Wo hat er das gelernt, fragt der Leiter des Konservatoriums Bern. Er hat es sich selbst beigebracht, antwortete die Mutter. Eine Woche später nahm er im Konservatorium Unterricht, beim international bekannten Akkordeonisten Pascal Contet. Vom Klaviertasten-Akkordeon stieg Batkovic aufs C-Griff Knopfakkordeon um.

Rasch wurde er zum Vorzeigeschüler des Konsi Bern. Während die anderen Buben draußen Fussball spielten, übte er. Stunden, Tage, Nächte. Er besuchte verschiedene Workshops, unter anderem bei Jaques Mornet. Das sorgte zwar nicht gerade für Street-Credibility bei seinen Kumpels, doch mit Fünfzehn heimst er die ersten Preise ein, etwa die Auszeichnung der Künstlerförderung der Bürgerlichen Ersparniskasse. Für Kinder-CD-Produktionen erhielt er die ersten Kompositions-Aufträge. Er gab immer mehr öffentliche Auftritte und spielte an privaten Anlässen. Einen Schweizer Pass besaß er damals noch nicht, trotzdem war er ein beliebter Hofmusiker in den Häusern der höchsten politischen Vertreter der Eidgenossenschaft.
Pascal Contet lud Prof. Elsbeth Moser ein, eine der renommiertesten Akkordeon-Professoren weltweit, um ihr seinen besten Schüler vorzustellen. Wenige Monate später zog der achtzehnjährige Batkovic nach Hannover und wurde in die Klasse von Prof.Moser aufgenommen. Dort traf Batkovic zum ersten Mal auf andere Akkordeonisten, mit denen er Können und Leidenschaft teilte. Hier lernte er auch das Akkordeon als klassisches Instrument profund kennen. Neben dem Studium gab er etliche Konzerte und experimentierte mit Klängen, Räumen und Möglichkeiten seines Instrumentes. Dann geschah eine Wende: Batkovic fand zur traditionellen Balkan-Musik zurück - zu seinen Wurzeln, für die er lange verborgen hielt. Es gründete sich die Band Die Nervösen Solisten, bestehend aus vier Akkordeonisten aus den Balkan-Staaten, alle einer anderen Religion und Nation angehörig. Batkovic begann die traditionelle Balkan-Musik neu zu entdecken. Gleichzeitig gehörte er zur Rockband Remain In Silence, trat zusammen mit Djs als Live-Act auf im Bereich elektronische Musik und widmete sich dem argentinischen Tango. Als Solist spielte er mit dem Jugendsymphonie-Orchester Bern Acconcagua von Astor Piazzolla. Öfters zog er sich tage- und nächtelang zurück, um an seinen eigenen Kompositionen zu arbeiten. An der Expo2000 in Hannover gab er mehrere Konzerte mit verschiedenen Projekten. Im kroatischen Pavillion führte er hier auch zum ersten Mal eigene Kompositionen (für Gesang, Cello Piano und Akkordeon) auf - einer der Höhepunkte einer musikalisch erfahrungsreichen Zeit.

batkovic press-mala.jpgMit 23 zog es Batkovic zurück nach Bern, wo ihn eine ganz andere Situation erwartete. Er trat dem Red Light Orchestra von Signorino TJ bei, wo er einige Balkan-Stücke beitrug, die beim Publikum grossen Anklang fanden. Die Balkan-Musik begann für Batkovic an Bedeutung zu gewinnen. So gründete er eine Formation, die sich schließlich BeBa-Orchestra nannte und das Erbe der Balkan-Musik mit Jazz und Rock vermengte. In kurzer Zeit gab es umjubelte Auftritte in der ganzen Schweiz, unter anderem am Rock Oz’Arènes-Festival in Avenches. Zudem spielte er in einem Kurzfilm mit (“Dobro Pivo”, der den 1. Preis am Thun-Spiez-Filmfestival gewann).
Zur Gegenwart: Inzwischen sind in Bern seine spontanen Konzerte in Bars, an privaten Festen, in Lokalen, die sich selten in die späten Stunden ziehen, beliebt und berüchtigt. Rumplig und schräg klingt die Band “Dean Moriarty & The Dixie Dicks” bei der Batkovic zur Zeit das Akkordeon bedient und Stücke für eine geplante Produktion schreibt. Vermehrt tritt Batkovic solo mit seinen eigenen Kompositionen auf. Er gibt Workshops über Balkan-Musik und Akkordeon, um die innovativen Seiten des als volkstümlich verrufenen Instrumentes zu zeigen. Zur Zeit beschäftigt er sich auch mit Kompositionen für eine Theater-Produktion von Goethes “Urfaust“. In seinem Atelier im Kulturzentrum Progr arbeitet er intensiv an neuen Projekten. Wieder Stunden, Tage, Nächte. Immer noch in seinem Herzen: das rote Akkordeon.

Es ist zu früh, um glücklich sein und zu spät, um traurig zu sein - es ist die liebste Textzeile von Mario Batkovic. Seit seiner Kindheit lebt der Berner Akkordeonist mit dem Gefühl, zwischen Stuhl und Bank gefallen zu sein. Sich vom Balkan, wie er ihn noch erlebt hat, noch nicht verabschiedet zu haben, und in der Schweiz noch nicht ganz angekommen zu sein. Batkovic beherrscht weder Kroatisch noch Deutsch perfekt. Doch in der Musik hat er seine Heimat gefunden, mit dem Akkordeon seine Sprache. Hier vermag er die Zerissenheit zum Klingen zu bringen, hier zeichnen ihn seine verschiedenen Heimaten aus - statt sich für eine Welt zu entscheiden, hat es sich Batkovic zur Aufgabe gemacht, zwischen den Kulturen zu vermitteln. In menschlicher wie musikalischer Hinsicht. Als klassisch ausgebildeter Musiker hat er keine Berührungsängste zur Populärkultur. Auf der Bühne ist Batkovic ein charismatischer Entertainer, kein in sich gekehrter Konzertakkordeonist. Mit seiner Formation BeBa-Orchestra tritt er auch als Sänger auf. Batkovic spielte und spielt in Rockbands unterschiedlichster Prägung, vermischt traditionelles Balkan-Liedgut mit zeitgenössichen Klängen, spielt von Piazzola über Bach bis Waits alles - aber immer in seinem unverkennbaren Stil. Denn Batkovic könnte man zwar einen Vorzeigefall in Sachen Integration nennen, doch ein Angepasster ist er wahrlich nicht. Seinen Eigensinn hat sich der Autodidakt bewahrt. Und seine Leidenschaft für das Akkordeon, diesem lange so verpönten Instrument. Er bringe das Akkorden zum Weinen, hat er schon hören dürfen - auf dem Balkan das höchste Kompliment für einen Akkordeonisten.

Simon Jäggi

Mario Batkovic | Akkordeon